Sunday, 16th June 2019
16 Juni 2019

Der Geschmack von Scheibenwischerwasser

Unser Kolumnist bewegt sich auf der Straße zwischen Fresdorf und Stücken zwischen Wut und großen Fragen. Schuld daran ist ein Autofahrer.

Der ewige Kampf zwischen Rad- und Autofahrern.

Eigentlich sollte sich diese Kolumne mit meinem derzeitigen Lieblingsthema beschäftigen: der Scheibenbremse. Aber aus aktuellem Anlass ist das Thema: Scheibenwischwasser. Schuld daran ist ein Berliner Autofahrer. Er war wie ich auf der Landstraße zwischen Fresdorf und Stücken südlich von Berlin unterwegs. Als er mich überholte, betätigte er seine Scheibenwaschanlage und hörte erst damit auf, als ich außer Reichweite war. Das Kennzeichen hatte ich dank meiner kleinen Video-Kamera am Rad festgehalten, soweit die Eckdaten.

Meine erste Reaktion war Wut. Der Geschmack von Scheibenwischwasser machte sich breit. Zwar trug ich eine Brille und die Augen waren geschützt, aber auf der Haut im Gesicht merkte ich bald ein leichtes Jucken. Gesund schien das nicht zu sein. Und so fragte ich mich, warum ich das Wasser abbekommen hatte: Ich war allein unterwegs, die Straße war trocken, Regen fiel auch nicht, kein Radweg in der Nähe, den ich hätte benutzen können. Was habe ich falsch gemacht?

Zwei Baustellenampeln regeln derzeit den Verkehr auf dem besagten Stück Landstraße. Die Schaltung der Ampel war offenbar im Wochenend-Modus, es dauerte etwas länger, bis wir wieder Grün hatten. Die ersten beiden Autos, die mich überholten, fuhren sogar mit vorschriftsmäßigem Abstand an mir vorbei. Es war alles gut, bis dieser Herr mit seiner Scheibenwaschanlage kam.

War er vielleicht nur frustriert, weil die Ampelschaltung so lange dauerte und hat er seinen Frust auf mich projiziert? Oder war alles nur ein Versehen, weil er, vertieft in ein philosophisches Gespräch mit der Person auf dem Beifahrerplatz, auf den Knopf für das Wischwasser gekommen war?

Wenn man allein mit dem Rad für längere Zeit unterwegs ist, kann man sich über vieles Gedanken machen

Ich fuhr nun schneller in der Hoffnung, ihn an der zweiten Baustellenampel noch zu einem klärenden Gespräch zu treffen. Die Ampelschaltung hätte uns sicher ein wenig Zeit dafür gegeben. Von weitem sah ich schon die Ampelanlage, sie schaltete gerade von Gelb auf Rot und mein neuer Autofahrer-Freund fuhr einfach weiter. Aus dem geplanten Gesprächsangebot wurde nichts mehr. Ich akzeptierte die rote Ampel und hielt an.

Wenn man allein mit dem Rad für längere Zeit unterwegs ist, kann man sich über vieles Gedanken machen. Ich hatte das Autokennzeichen, eine Videosequenz auf meiner kleinen Kamera, eine Anzeige ist schnell gemacht. Nötigung eines harmlosen Radfahrers und Überfahren einer roten Ampel, hui, da kommt sicher etwas zusammen. Aber was, wenn er das alles gar nicht mitbekommen hat? Wenn er zum Beispiel mit seinem Beifahrer gerade die Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest diskutiert hat?

Ich beruhigte mich wieder. Das Jucken der Haut war vorbei, der Geschmack von Scheibenwischwasser aus dem Mund verschwunden. Zuhause angekommen habe ich die Video-Sequenz gelöscht.

Über mein derzeitiges Lieblingsthema Scheibenbremse werde ich dann beim nächsten Mal schreiben, vielleicht.

Michael Wiedersich ist Radsporttrainer und Sportjournalist und schreibt hier im Wechsel mit Tagesspiegel-Volontär und Läufer Felix Hackenbruch.

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