Wednesday, 20th February 2019
20 Februar 2019

Ein Amerikaner schafft ein Porträt von Berlin, das ein Deutscher nicht besser hätte zeichnen können

Er hat sich einem Großprojekt verschrieben, weil er einer Intuition folgte: 22 Jahre hat Jason Lutes an seiner Comic-Trilogie „Berlin“ gearbeitet. Dem US-Amerikaner gelang ein Porträt über die Weimarer Republik, wie es Deutschland noch gefehlt hat. Nun ist die Gesamtausgabe erschienen.

Der Potsdamer Platz in Berlin Anfang der 1930er Jahre: Damals regelte man den Verkehr auf dem Platz aus einem Verkehrsturm (Mitte links, mit Uhr)

Dass seine beiden Protagonisten malen und schreiben, war für den Comiczeichner Jason Lutes naheliegend, schließlich sind das die beiden Tätigkeiten, die auch er in seinem Beruf ausübt. Am 29. Januar erschien die Gesamtausgabe von „Berlin“, einer Comic-Trilogie, für die sich der US-Amerikaner 22 Jahre Zeit genommen hat. Eigentlich Zeit nehmen musste, denn vom Schreiben und Zeichnen dieses gigantischen Werks konnte er nicht leben. „Als ich angefangen habe, 1996, habe ich zwei Jahre lang nur gelesen“, sagt er. „Ich habe sämtliche Antiquariate in Seattle nach Büchern durchsucht, ich hatte damals noch kein Internet.“ Und da Lutes auf einer staatlichen Highschool war, sei sein Geschichtsunterricht schrecklich schlecht gewesen. „Berlin“ spielt in der Zeit des Niedergangs der Weimarer Republik, zwischen 1928 und 1933. Lutes‘ Wissen über diese Ära ist so fundiert, dass er es inzwischen wohl mit jedem deutschen Geschichtslehrer aufnehmen könnte. „Dass es das Verlangen nach einer privaten Weiterbildung war, das mich auf die Idee gebracht hat, ist mir erst viel später aufgefallen“, erzählt Lutes im stern-Interview. Inspiriert hatte ihn eine Werbung für das Buch „Bertolt Brechts Berlin: A Scrapbook of the Twenties“. Spontan vertraute er seiner Intuition.

„Berlin“ von Jason Lutes, Gesamtausgabe, Hardcover, 608 Seiten, 46 Euro, hier bestellbar

Lutes erzählt in „Berlin“ die Geschichte von Marthe Müller, einer jungen Frau, die aus ihrem konservativen Zuhause in Köln flieht, um in Berlin Kunst zu studieren. Schon vor ihrer Ankunft lernt sie im Zug Kurt Severing kennen, einen ketterauchenden, linken Journalisten der „Weltbühne“, den Lutes optisch an den jungen Kurt Tucholsky angelehnt hat. Die Beziehung der beiden, die eine Zeitlang auch eine Liebesbeziehung ist, bildet einen der Erzählstränge des Buches, das einen Einblick in die Welt der Arbeiter, Sozialisten, Kommunisten und Nationalisten gewährt. Müller und Severing vertreten dabei zwei eigene Sichtweisen auf die Welt: Die Künstlerin lebt einen hedonistischen Lifestyle zwischen Sex and Drugs and Jazz und genießt ihre in Berlin gewonnene Freiheit, während den Journalisten die Veränderungen in der Stadt anwidern und er seine Zweifel, die Menschen durch seine Artikel wachrütteln zu können, immer häufiger mit Alkohol bekämpft.

Kurt Severing beginnt, seine Arbeit und sich selbst zu hassen

Jason Lutes hat sich in den ersten Jahren seiner Arbeit an „Berlin“ mit Jobs in Restaurants durchgeschlagen. „Ich war ziemlich oft pleite“, erzählt er. „2006 kam dann meine Tochter zur Welt und ich musste regelmäßig Geld verdienen. Da sind wir nach Vermont gezogen, ich unterrichte in White River Junction am Center for Cartoon Studies.“

Jason Lutes

Die Frage, ob Lutes durch sein Buch 22 Jahre lang in Parallelwelten gelebt hat, beantwortet er mit seinen Wohnsituationen. „In den ersten Jahren war ich ein hungernder Künstler, der in einer Einzimmerwohnung lebte“, erinnert er sich. „Seit 15 Jahren liegt mein Arbeitszimmer im Untergrund, es ist im Haus, aber im Keller. Wenn ich dort bin, bin ich in einer anderen Zeitzone.“

Das Buch, das in Deutschland nun in einer mehr als 600 Seiten starken Gesamtausgabe zu haben ist, erschien in den USA Stück für Stück in 22 Heften mit je 24 Seiten, die einzeln verlegt worden sind. „Dadurch kam auch immer wieder ein bisschen Geld rein“, erklärt Lutes, „aber trotzdem gab es zu Hause gelegentlich Spannungen wegen finanzieller Engpässe.“ 1999 veröffentlichte der Carlsen Verlag die ersten acht Teile in Deutschland unter dem Titel „Berlin – Steinerne Stadt“, die nächsten acht hießen „Berlin – Bleierne Stadt“ und Band drei, der erst im Oktober 2018 herauskam, „Berlin – Flirrende Stadt“. Dass der Verlag die Gesamtausgabe so schnell hinterherschiebt, zeigt dessen Wertschätzung – das Werk hatte einfach noch ein Großformat verdient. Volker Kutscher, der die Vorlage für die erfolgreiche TV-Serie „Babylon Berlin“ geschrieben hat, nennt es ein opus magnum.

Berlin: Leben auf der Straße oder in den Clubs

In den parallel verlaufenden Handlungsebenen, die so übergangslos nebeneinander geschnitten sind wie die Serien der heutigen Zeit, zeigt Lutes aus verschiedenen Blickwinkeln, wie schnell sich in Berlin die Stimmung ändert. Die Arbeiter bringen ihre Familien vom Existenzminimum durch, die Versehrten des Ersten Weltkriegs betteln am Straßenrand und die Hungrigen scheuen nicht vor Diebstahl zurück. Die Polizei wird aggressiver, prügelt willkürlich Menschen nieder und die Nationalsozialisten werden immer stärker sichtbar. Die Arbeiterin Gudrun Braun kommt im Blutmai 1929 bei einer Demonstration ums Leben und eine ihrer Töchter landet in der Gosse. Der junge Jude David Schwartz verkauft auf der Straße die „A.I.Z“, die „Arbeiter Illustrierte Zeitung“, um sich etwas Geld dazuzuverdienen – bis Rechte auf ihn losgehen und sein Vater ihm erklärt, gerade er müsse „unsichtbar werden“. Die Leben der beiden Familien sind zwei weitere Säulen, die in „Berlin“ verankert sind.

Während die einen nachts auf der Straße herumlungern und frieren, genießen die anderen in den Clubs Jazzmusik.

Die verspieltesten Seiten in „Berlin“ zeigen ein Solo des Klarinettisten der Cocoa Kids, einer Jazzband aus Louisiana. Auf die rechte folgt noch eine dritte Klarinettenseite … so viel Platz muss sein!

„Ich habe in weiten Teilen unbewusst gearbeitet“, erzählt Lutes, „ich bin meinen Figuren gefolgt und habe geschaut, wohin sie mich führen.“ Nach Jahren der Lektüre über die Weimarer Republik war auf das Unterbewusstsein offensichtlich ausreichend Verlass. Besonders interessiert hat Lutes dieser Zeitraum, weil er verstehen wollte, wie es zur Machtergreifung Hitlers und zum Dritten Reich kommen konnte. Während seiner Arbeit an „Berlin“ hat Lutes Musik aus der Zeit gehört, viel Jazz, aber auch die Schlager, die damals im Radio gespielt wurden. Erst 1999, zum Erscheinen des ersten Bandes seiner Trilogie in Deutschland, war er selbst zum ersten Mal vor Ort. Und er hatte Angst vor der Reise. Große Angst, dass er im mehr als 8000 Kilometer entfernten Seattle ein Berlin geschaffen hatte, das ganz anders war als die echte Stadt. Dass er die Stimmung und die Aura verfehlt haben, dass die jahrelange Arbeit für die Tonne gewesen sein könnte. Er war zuvor nur einmal in Europa gewesen, als Kind, in Frankreich. Doch seine Sorge erwies sich als unbegründet, das deutsche Publikum war hingerissen und Lutes‘ Illustrationen fühlten sich richtig an.

Der Potsdamer Platz, von Jason Lutes gezeichnet: Die Liebe zum Detail macht die Schwarz-Weiß-Illustrationen in Jason Lutes‘ Graphic Novel „Berlin“ so lebendig. Die soeben erschienene Hardcover-Gesamtausgabe seiner Comic-Trilogie verleiht dem Meisterwerk ein würdiges (Groß-)Format.

Für „Berlin“ hat Lutes 22 Jahre lang neben Menschen vor allem Gebäude, Gebäude, Gebäude gezeichnet. Seit nächstes Buch wird ein Western und spielt in der Wüste von Arizona. „Dort gibt es nur Sand und vielleicht mal ein Zelt. Vorher muss ich allerdings noch lernen, wie man Pferde darstellt“, grinst er.

By:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.